YouTuber reichen Sammelklage gegen YouTube ein

Hat YouTube im Rahmen der „Adpocalypse“ tausende von Kreativen um ihre Lebensgrundlage gebracht? Diese Frage hat nun der „United States District Court“ für den Bezirk Nordkalifornien zu klären.

Ein erfolgreiches YouTuber-Duo verdiente mit seinem Kanal 10.000,00 USD pro Monat, bis YouTube heimlich seinen „AdSense“-Algorithmus änderte und die Einnahmen auf weniger als 1.000,00 USD zurückgingen. Dagegen wehren sich die Betreiber des bekannten Kanas „Zombigoboom“ mit einer Sammelklage.

Zwar stellen Musikvideos die mit Abstand am stärksten nachgefragten Inhalte auf YouTube dar, jedoch haben sich aber auch tausende Kreative mit unterschiedlichsten selbstproduzierten Inhalten eine Existenz aufgebaut. Sie drehen regelmäßig Videos, veröffentlichen diese auf ihren Kanälen und ziehen so oft Hunderttausende oder gar Millionen Abonnenten an. YouTube profitiert von diesen Inhalten, da erst sie den Dienst so attraktiv machen. Vor – oder auch während – der Videos schaltet YouTube Werbung und generierte allein 2016 auf diese Weise Einnahmen von ca. neun Milliarden Euro. Von diesen Einnahmen erhalten die Lieferanten der Inhalte nur einen Bruchteil, der bei erfolgreichen Kanälen jedoch sechs- bis siebenstellige Beträge pro Jahr erreichen kann.

Voraussetzung ist jedoch stets, dass auf den Videos ausreichend Werbung geschaltet wird. Wer hier wann welche Werbespots platziert, entscheiden streng geheime Algorithmen aus dem Hause YouTube (AdSense).

Im März 2017 geriet YouTube scharf in die Kritik, als bekannt wurde, dass auf Kanälen von ISIS und anderen terror- oder gewaltnahen Gruppierungen durch YouTube Werbung geschaltet wird und so sowohl die Kanalbetreiber, als auch YouTube von den fragwürdigen – oder gar illegalen – Inhalten profitieren. Die Reaktionen führten zum Rückzug namhafter Unternehmen aus dem YouTube-Werbeprogramm.

Als Reaktion hierauf hat YouTube im April 2017 Änderungen an seinem AdSense-Algorithmus vorgenommen.  Dazu gehörte unter anderem die automatische Klassifizierung der Videos in Kategorien, die dem System der amerikanischen Altersfreigabe für Filme oder Computerspiele ähnelt (E für „everybody“ bis M für „mature“). Diese Änderungen erfolgten geheim, das System ist weder öffentlich einsehbar noch wurden die Änderungen den Lieferanten der Inhalte bekanntgegeben. Werbetreibende können allerdings entscheiden, ihre Werbung nur neben Videos bestimmter Kategorien zu platzieren.

Die amerikanischen Kläger – die Betreiber des Kanals „Zombiegoboom“ – haben laut ihrer Klage in den vergangenen Jahren monatlich 6-10 Millionen Zugriffe auf ihre Videos verzeichnet und damit etwa 10.000 USD im Monat durch Werbeeinnahmen verdient. Seit der Änderung des Algorithmus gingen diese Einnahmen – bei gleichbleibenden Besucherzahlen – zunächst auf 8.000 USD, später auf 600-1.200 USD pro Monat zurück, ein Einbruch um über 90%. Unter YouTubern ist die Werbekrise als „Adpocalypse“ bekannt, eine Wortschöpfung aus „Advertisement“ und „Apocalypse“.

Den Wegfall ihrer Lebensgrundlage wollten die Macher von „Zombiegoboom“ nicht hinnehmen und klagen nun im eigenen Namen und gleichzeitig im Wege einer Sammelklage („class action“) für alle anderen (potentiell) betroffenen YouTuber, die durch YouTubes Änderungen an „AdSense“ Einnahmeverluste erleiden. Sie argumentieren, dass YouTube die Änderungen weder vorab angekündigt, noch anschließend transparent kommuniziert habe. Damit habe YouTube gegen vertragliche und außervertragliche Verpflichtungen sowie gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen.

Zudem seien die neuen Algorithmen derart schlecht programmiert, dass sehr viele harmlose Videos der „M“-Kategorie zugeordnet würden und somit kaum noch Werbeeinnahmen erhielten, während andererseits tatsächlich jugendgefährdende Inhalte nicht erkannt würden. Es käme zu einem krassen „Over-“ und „Underblocking“, was YouTube auch bewusst sei.

Mit ihrer Klage verlangen die YouTuber Unterlassung der neuen AdSense-Einteilung der Videos (bzw. Wiederherstellung des vorherigen Zustands), Schadensersatz und Erstattung ihrer Anwaltskosten.

 

Autor: Rechtsanwalt Mirko Brüß

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